„Der Mensch, das Spiel und der Zufall“: Im Gespräch mit Dr. Daniel Henzgen

Warum übt das Gewinnspiel seit Jahrhunderten eine so starke Anziehungskraft aus – und warum wird es zugleich immer wieder kontrovers diskutiert? Genau dieser Spannung widmen sich Dr. Daniel Henzgen und Dominik Meier in ihrem Buch „Der Mensch, das Spiel und der Zufall“. Der Ansatz ist bewusst grundsätzlicher gewählt: Es geht nicht um tagespolitische Schlagworte, sondern um das Zusammenspiel von Spiel, Risiko, Deutungsmustern und gesellschaftlicher Bewertung.

Dr. Daniel Henzgen ist Wirtschafts- und promovierter Politikwissenschaftler und Mitglied der Geschäftsführung von LÖWEN ENTERTAINMENT.

Im Autoren-Guide spricht Daniel Henzgen darüber, welche Gedanken hinter dem Buch stehen, welche Missverständnisse in der öffentlichen Debatte häufig auftauchen – und was Leserinnen und Leser aus der Lektüre mitnehmen können.

Weiterführende Informationen zum Buch

Titel: Der Mensch, das Spiel und der Zufall
Autoren: Dr. Daniel Henzgen, Dominik Meier
Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden
Erscheinung: 13.12.2024 (Auflage 2025)
Umfang: 239 Seiten
ISBN: 978-3-658-46027-3
Kurzansatz: Historisch-systematische Annäherung an die Faszination des Gewinnspiels.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Was war der konkrete Auslöser, dieses Buch zu schreiben – und warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

Dr. Daniel Henzgen: Eigentlich war am Anfang gar kein Buch geplant. Während der erzwungenen Ruhe der Coronazeit hatten mein Co-Autor Dominik Meier und ich die Möglichkeit, einmal alles zu hinterfragen. Gemeinsam formte sich dann die Idee, konzentriert und wissenschaftlich zu betrachten, was die Faszination des Glücksspiels ausmacht – und wie sich Gesellschaft und Staat dazu verhalten. Wir wussten früh: Das Buch soll bewusst kein Kommentar zur Tagespolitik sein. Wir wollten Abstand von der aktuellen glücksspielpolitischen Debatte in Deutschland, die von Vorurteilen, Ängsten und bisweilen Bigotterie geprägt ist. Durch unseren historischen Ansatz eröffnen wir die Möglichkeit, aus der Vergangenheit zu lernen und neue Denkanstöße zu geben.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Der Titel verbindet Mensch, Spiel und Zufall: Was ist für Sie der wichtigste Gedanke, der diese drei Begriffe zusammenhält?

Dr. Daniel Henzgen: Die drei Begriffe treffen sich im Moment des Übergangs. Es ist der Moment, in dem Sie den Knopf drücken – und zwischen Ihnen und dem Zufall, andere mögen es Glück oder Schicksal nennen, für einen Augenblick lang nichts mehr steht. Das Spiel ist egalitär in einem Sinne, den wir im Alltag kaum kennen. Soziale Hierarchien und unterschiedliche Begabungen werden durch das Zufallsprinzip ausgehebelt.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Sie nähern sich dem Thema bewusst grundsätzlicher. Welche Missverständnisse rund um Gewinnspiele und Glücksspiel begegnen Ihnen in der öffentlichen Debatte am häufigsten?

Dr. Daniel Henzgen: Der Spaß am Spiel und der Nervenkitzel des ungewissen Ausgangs sind völlig aus dem Blick geraten. Stattdessen wird das Spielbedürfnis pauschal pathologisiert – obwohl statistisch betrachtet 0,3 bis maximal 0,6 Prozent der Spielerinnen und Spieler als Menschen mit pathologischem Spielverhalten gelten. Für 99 Prozent der Spielerinnen und Spieler ist Glücksspiel Teil ihrer Freizeitgestaltung – und sie zeigen dabei keinerlei Auffälligkeiten. Darüber hinaus kommt die breite Palette der Motivationslagen in der Debatte so gut wie nie zur Sprache. Wenn jemand sagt, er gehe in die Spielbank und sei bereit zu verlieren, heißt es sofort: Der gehört unter Aufsicht gestellt. Dabei ist die Bestätigung, dass ein Verlust nicht wehtut, für manche Menschen mit einem ebenso positiven Gefühl verbunden wie für andere der Gewinn. Das ist nur ein Beispiel unter vielen unterschiedlichen Motivationslagen.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Im Buch betrachten Sie das Gewinnspiel auch als gesellschaftliches Phänomen. Was sagt die Art, wie wir über Glück und Zufall sprechen, über uns als Gesellschaft aus?

Dr. Daniel Henzgen: Sie sagt eine Menge aus. In unserer Gesellschaft wird das Glücksspiel häufig reduziert auf den Vorwurf: Da sind Menschen, die leicht an Geld kommen wollen. Das verträgt sich nicht mit der tief verwurzelten Überzeugung, dass Status und finanzielle Möglichkeiten nur demjenigen zustehen, der dafür hart gearbeitet hat. Mit anderen Worten: Glücksspiel steht quer zur protestantischen Arbeitsethik. Dabei übersehen wir, welches Potenzial Glücksspiel birgt: Es lässt Menschen träumen. Man spielt montags Lotto und stellt sich die ganze Woche vor, wie es wäre, Millionär zu sein. Diesen Tagtraum, diese kurze Auszeit von der Gleichförmigkeit des Alltags, empfinden viele Menschen als unbeschreiblich wertvoll. Es ist ein Stück gelebter Autonomie und Freiheit.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Glücksspiel ist Ausdruck persönlicher Freiheit?

Dr. Daniel Henzgen: Genau das ist es. Das Spiel um Geld ist eine anthropologische Konstante – und unsere Branche schafft in diesem Kontext sichere Angebote für selbstbestimmte Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Wo liegt die Grenze zwischen notwendiger Regulierung und kontraproduktiver Überregulierung – und was folgt daraus für den Spielerschutz?

Dr. Daniel Henzgen: Dass Glücksspiel regulierungsbedürftig ist, darüber müssen wir nicht streiten. Eine sinnvolle Maßnahme ist zum Beispiel das Spielersperrsystem. Das eigentliche Problem für den Spielerschutz ist in Wirklichkeit ein anderes: ein defizitäres regulatives System, das Spielerschutz unmöglich macht, weil legale Angebote ohne Not an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Der einzige Profiteur ist die organisierte Kriminalität, deren Angebote von vielen Konsumenten im Gegenzug als attraktiv wahrgenommen werden. Und hier findet keinerlei Spielerschutz statt. Wir brauchen – anders als heute – eine Regulierung, die die Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten zum Ausgangspunkt nimmt. Auf dieser Grundlage kann das illegale Spiel zurückgedrängt werden.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Wie lässt sich das erreichen?

Dr. Daniel Henzgen: Dafür bedarf es einer anderen gedanklichen Basis: Die übergriffige Regulierung beruht auch auf der Vorstellung, dass Glücksspiel ein demeritorisches, also ein gesellschaftlich vermeintlich unerwünschtes Gut ist. Dabei gibt es auf einem Markt so etwas wie ein demeritorisches Gut nicht. Es gibt das legale und das illegale Angebot und das wird in einem demokratischen Prozess ausgehandelt. Jede andere Betrachtungsweise ist tendenziös.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Welche Rolle spielen Narrative und Moralvorstellungen bei Regulierung und Akzeptanz – und was wird dabei oft übersehen?

Dr. Daniel Henzgen: Eine entscheidende Rolle – und das wird massiv unterschätzt. Das Spiel mit dem Zufall hat schon immer staatliche Macht- und Ordnungsstrukturen herausgefordert. In totalitären Systemen wie der NS-Zeit oder der DDR war Glücksspiel verboten, weil die Kontrolle über das Individuum in allen Lebenslagen für solche Regime essenziell ist – der Moment aber, in dem ich alles auf Rot setze, sich diesem Zugriff entzieht, weil sich der Zufall eben nicht kontrollieren lässt. Was also übersehen wird: Wer den gesellschaftlichen Diskurs über Glücksspiel führt, führt eigentlich eine viel grundsätzlichere Debatte – über das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, das Recht des Staates, in dieses einzugreifen, und darüber, wie Moralvorstellungen konstruiert werden.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Wenn Sie Entscheiderinnen und Entscheider in Politik und Verwaltung erreichen könnten: Welche eine Erkenntnis aus dem Buch sollten diese mitnehmen?

Dr. Daniel Henzgen: Dass Regulierungen kommen und gehen – Spiel und Spieler aber bleiben. Der Wunsch des Menschen, sich im geregelten Spiel mit dem Zufall ein Stück weit dem Schicksal zu übergeben, wird nicht schwinden. Es ist daher keine kluge Politik, immer neue Hürden aufzubauen, die legale Angebote unattraktiv machen. In manchen Bundesländern ist es verboten, in Spielhallen bequeme Stühle zu stellen oder Getränke zu reichen. Das klingt kleinkariert – und das ist es auch. Das Ergebnis ist nicht weniger Spiel, sondern mehr illegales Spiel.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Zum Schluss: Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre anders sehen – oder anders diskutieren?

Dr. Daniel Henzgen: Ich wünsche mir, dass die Debatte endlich auf der Höhe ihres Gegenstands geführt wird. Der Glücksspielmarkt ist ein gesellschaftlicher Seismograf, der sensibel auf jede Verschiebung zwischen individueller Freiheit und staatlicher Kontrolle reagiert. Wer das Glücksspiel dauerhaft aus der Mitte der Gesellschaft drängt, akzeptiert damit auch ein Verständnis von Staat, das tief in persönliche Lebensbereiche hineinregiert. Ein bewusstes Gegengewicht hierzu setzt FREIZEIT-FREIHEIT, die Informationskampagne von LÖWEN ENTERTAINMENT. Mit ihr werben wir für ein offenes, tolerantes und liberales Verständnis individueller Freizeitgestaltung – wozu das Spiel um Geld selbstverständlich zählt. Denn eines ist klar: Wer heute die Axt an die Freiheit anderer legt, trifft morgen immer auch die eigene. Die Geschichte ist reich an Beispielen dafür. Und sie zeigt auch, wie schwer verlorene Freiheit wiederzugewinnen ist.

Ulli Schmitt, Autoren-Guide: Vielen Dank für das Gespräch!

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