Ein Ring, zwei Übersetzungen – warum „Der Herr der Ringe“ auf Deutsch unterschiedlich klingt

Autoren Guide hat die beiden deutschen Übersetzungen von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ genauer unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich, wie stark einzelne Wörter, unterschiedliche Sprachebenen und die Entscheidungen eines Übersetzers die Wirkung eines ganzen Romans verändern können.

Der Herr der Ringe
Wer „Der Herr der Ringe“ auf Deutsch lesen möchte, steht vor einer ungewöhnlichen Entscheidung. Von Tolkiens berühmtem Werk gibt es zwei vollständige deutsche Übersetzungen: die klassische Fassung von Margaret Carroux und die rund 30 Jahre später erschienene Neuübersetzung von Wolfgang Krege.

Beide erzählen dieselbe Geschichte. Frodo verlässt das Auenland, um den Einen Ring zu vernichten. Er wird von Gefährten begleitet, begegnet Elben, Zwergen, Menschen und Zauberern und gerät immer tiefer in den Kampf um Mittelerde. Dennoch kann sich die Lektüre je nach Ausgabe deutlich unterscheiden.

Der Grund liegt nicht in der Handlung, sondern in der Sprache. Während die eine Übersetzung feierlich, würdevoll und stellenweise altertümlich klingt, ist die andere moderner, direkter und stärker an der Alltagssprache orientiert. Seit dem Erscheinen der zweiten Fassung wird deshalb darüber gestritten, welche Übersetzung Tolkien besser gerecht wird.

Die erste deutsche Stimme Mittelerdes

Die erste deutsche Übersetzung von „Der Herr der Ringe“ stammt von Margaret Carroux. Sie erschien 1969 und 1970 im damaligen Ernst Klett Verlag. Die zahlreichen Gedichte und Lieder des Werkes wurden von Ebba-Margareta von Freymann übertragen.

Carroux stand während ihrer Arbeit mit Tolkien in Kontakt. Nach Angaben der Deutschen Tolkien Gesellschaft hatte Tolkien persönlich Übersetzungsproben geprüft und sich für sie als deutsche Übersetzerin entschieden. Für die Übertragung vieler Namen und Bezeichnungen erhielt sie außerdem Hinweise des Autors. Tolkiens Erläuterungen flossen später in seinen Übersetzungsleitfaden zu den Namen in „Der Herr der Ringe“ ein.

Das war bei diesem Werk besonders wichtig. Tolkien war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Sprachwissenschaftler. Die Sprachen, Namen und historischen Entwicklungen Mittelerdes bilden einen wesentlichen Teil seiner Erzählwelt. Viele Namen wurden deshalb nicht allein wegen ihres Klanges gewählt, sondern besitzen eine sprachliche Herkunft und eine konkrete Bedeutung.

Tolkien unterschied dabei zwischen Namen, die aus erfundenen Sprachen wie Quenya oder Sindarin stammen und möglichst unverändert bleiben sollten, und solchen Bezeichnungen, die innerhalb der Erzählung bereits als Übertragungen in die englische Sprache verstanden werden. Letztere durften auch in andere Sprachen übersetzt werden, sofern ihre Bedeutung erhalten blieb.

Aus „Shire“ wurde so das „Auenland“, aus „Baggins“ wurde „Beutlin“ und aus „Rivendell“ wurde „Bruchtal“. Diese Begriffe sind für deutschsprachige Leser inzwischen so eng mit Mittelerde verbunden, dass sie beinahe wie ursprüngliche Namen wirken.

Was die Übersetzung von Margaret Carroux auszeichnet

Carroux entschied sich für eine überwiegend gehobene und teilweise altertümlich wirkende Sprache. Ihre Figuren sprechen häufig feierlich, respektvoll und mit einer gewissen sprachlichen Distanz.

Das passt besonders zu den großen mythologischen Teilen des Romans. Wenn Könige über untergegangene Reiche sprechen, Elben alte Lieder singen oder sich die Gefährten dem entscheidenden Kampf stellen, erzeugt die Sprache eine Atmosphäre von Geschichte, Würde und Vergänglichkeit.

Mittelerde erscheint dadurch nicht wie eine moderne Abenteuerwelt, in der zufällig Schwerter und Zauberer vorkommen. Sie wirkt vielmehr wie ein Ort mit jahrtausendealter Vergangenheit, eigenen Sagen und einer tief verwurzelten Erinnerungskultur.

Genau darin liegt für viele Leser die große Stärke der Carroux-Übersetzung. Ihre Sprache schafft Distanz zur Gegenwart. Der Text klingt nicht so, als könne die Geschichte in einem heutigen Alltag stattfinden.

Allerdings besitzt dieser Stil auch Nachteile. Manche Sätze wirken aus heutiger Sicht schwerfällig. Einzelne Formulierungen erscheinen ungewohnt, und besonders jüngere Leser können den Einstieg als anspruchsvoll empfinden. Die Deutsche Tolkien Gesellschaft beschreibt Carrouxs Sprache als deutlich gehobener und teilweise schwerer zugänglich als die spätere Übersetzung.

Carroux ist zudem nicht in jeder Einzelheit näher am englischen Original. Auch ihre Übersetzung enthält Ungenauigkeiten und Entscheidungen, über die sich diskutieren lässt. Die ältere Fassung ist daher nicht automatisch in jedem Satz die richtigere.

Ihre besondere Leistung liegt vielmehr darin, einen einheitlichen deutschen Klang für Mittelerde gefunden zu haben.

Warum nach rund 30 Jahren neu übersetzt wurde

Im Jahr 2000 veröffentlichte Klett-Cotta eine vollständige Neuübersetzung von Wolfgang Krege. Krege war bereits mit Tolkiens Welt vertraut. Er hatte unter anderem „Das Silmarillion“ übersetzt und sich intensiv mit den Sprachen und Hintergründen Mittelerdes beschäftigt.

Die Neuübersetzung sollte Tolkiens unterschiedliche Sprachebenen deutlicher sichtbar machen und das Werk zugleich für eine neue Lesergeneration zugänglicher gestalten. Krege wollte nicht einfach nur die alten Formulierungen durch modernere Wörter ersetzen. Er verfolgte ein grundsätzlich anderes sprachliches Konzept.

Im englischen Original sprechen nämlich keineswegs alle Figuren gleich. Die Sprache eines einfachen Bewohners des Auenlandes unterscheidet sich von der eines Königs. Sam spricht anders als Aragorn, die Orks verwenden eine andere Ausdrucksweise als die Elben, und auch zwischen gebildeten und weniger gebildeten Figuren bestehen deutliche Unterschiede.

Krege war der Ansicht, dass diese Vielfalt in der Carroux-Fassung zu stark geglättet worden sei. Seine Übersetzung sollte die sozialen, regionalen und charakterlichen Unterschiede der Figuren deutlicher ins Deutsche übertragen. Sie sollte lebendiger und für jüngere Leser leichter verständlich sein.

Dieser Ansatz war durchaus berechtigt. Eine feierliche Einheitssprache kann zwar eine starke Atmosphäre erzeugen, zugleich aber Unterschiede verdecken, die Tolkien bewusst in seine Dialoge eingebaut hatte.

Warum die Neuübersetzung so heftig kritisiert wurde

Das größte Problem der Krege-Übersetzung war für viele Leser nicht ihr Grundgedanke, sondern dessen Umsetzung.

Besonders umstritten waren Formulierungen, die sehr modern oder umgangssprachlich klangen. Sie passten nach Ansicht vieler Tolkien-Fans nicht zu einer Welt, die bewusst außerhalb der modernen Gegenwart angesiedelt ist.

Das bekannteste Beispiel ist Sams Anrede für Frodo. Im englischen Original nennt Sam ihn häufig „Master Frodo“. Carroux übersetzte dies mit „Herr Frodo“, während Krege die modernere Anrede „Chef“ verwendete.

Sprachlich lässt sich diese Entscheidung erklären. Sam ist Frodos Gärtner und Bediensteter. „Chef“ kann im modernen Deutschen ein Abhängigkeits- oder Arbeitsverhältnis ausdrücken. Dennoch verändert das Wort die Wirkung der Beziehung.

„Herr Frodo“ klingt nach einer älteren gesellschaftlichen Ordnung, nach Respekt und nach einem gewachsenen Verhältnis zwischen zwei Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung. „Chef“ erinnert dagegen viele Leser an einen heutigen Arbeitsplatz. Das Wort trägt Assoziationen in die Geschichte, die mit Mittelerde wenig zu tun haben.

Dadurch wird deutlich, wie stark bereits ein einziges Wort die Wahrnehmung einer Figur verändern kann.

Sam wirkt bei Carroux zunächst wie ein treuer Diener, dessen Beziehung zu Frodo im Verlauf der Reise immer stärker zu einer tiefen Freundschaft wird. Die Anrede „Chef“ lässt das Verhältnis lockerer und moderner erscheinen. Das ist nicht zwingend bedeutungslos, denn gerade die Entwicklung dieser beiden Figuren gehört zum emotionalen Kern des Romans.

Auch an anderen Stellen empfanden Leser die modernisierte Sprache als zu zeitgebunden. Was im Jahr 2000 frisch und zugänglich wirken sollte, konnte bereits wenige Jahre später nach der Umgangssprache einer bestimmten Epoche klingen.

Darin liegt ein grundsätzliches Problem moderner Übersetzungen: Je stärker sie sich an der aktuellen Alltagssprache orientieren, desto schneller können sie altern.

Ist Wolfgang Kreges Übersetzung deshalb schlecht?

Die verbreitete Einteilung in eine „gute“ Übersetzung von Carroux und eine „schlechte“ von Krege greift zu kurz.

Kreges Übersetzung besitzt durchaus Stärken. Sie liest sich an vielen Stellen flüssiger und macht Unterschiede zwischen den Figuren deutlicher. Gerade in einfachen Gesprächen oder bei weniger feierlichen Szenen kann seine Sprache lebendiger und unmittelbarer wirken.

Auch der Versuch, Tolkiens unterschiedliche Stilebenen genauer abzubilden, ist nachvollziehbar. Tolkien schrieb nicht durchgehend in einem hochsprachlichen Sagenton. Im Auenland wird getratscht, gestritten, gegessen und über Nachbarn gesprochen. Orks reden roh, Hobbits gelegentlich naiv und Herrscher würdevoll.

Eine Übersetzung, in der alle Figuren ähnlich erhaben sprechen, kann diese Unterschiede abschwächen.

Kreges Problem liegt deshalb weniger in seinem Ziel als in einzelnen sprachlichen Entscheidungen. Manche Modernisierungen lenken die Aufmerksamkeit so stark auf sich, dass sie den Leser aus der Geschichte herausführen. In solchen Momenten wird die Übersetzung selbst sichtbar.

Idealerweise sollte ein Leser jedoch nicht ständig darüber nachdenken, warum eine Figur gerade dieses ungewöhnliche Wort verwendet. Die Sprache sollte das Eintauchen in die erzählte Welt unterstützen und nicht unterbrechen.

Der Verlag veröffentlichte später eine überarbeitete Fassung der Krege-Übersetzung. Dabei wurden Fehler korrigiert und besonders umstrittene Stellen teilweise entschärft. Gleichzeitig brachte Klett-Cotta erneut mehrere Ausgaben mit der Übersetzung von Margaret Carroux heraus. Der Verlag führt heute Fassungen beider Übersetzungen im Programm.

Bereits diese parallele Veröffentlichung zeigt, dass keine der beiden Fassungen die andere vollständig ersetzen konnte.

Übersetzen bedeutet interpretieren

Der Streit um „Der Herr der Ringe“ macht deutlich, dass eine literarische Übersetzung niemals nur Wörter von einer Sprache in eine andere überträgt.

Ein Übersetzer muss ständig Entscheidungen treffen:

Soll ein Satz möglichst genau am Original bleiben oder im Deutschen natürlich klingen? Darf ein altertümlicher Ausdruck modernisiert werden? Wie werden Dialekte, soziale Unterschiede und Wortspiele übertragen? Was geschieht mit Namen, deren Bedeutung für die Handlung wichtig ist? Und wie lässt sich eine erfundene Welt in einer anderen Sprache glaubwürdig erhalten?

Für viele dieser Fragen gibt es keine eindeutig richtige Antwort.

Eine wortgetreue Übersetzung kann den Sinn eines Satzes verfehlen, wenn die Formulierung in der Zielsprache unnatürlich klingt. Eine freie Übersetzung kann den Inhalt verständlich wiedergeben, aber Atmosphäre und historische Wirkung verändern.

Der Übersetzer wird deshalb zwangsläufig zum Interpreten des Werkes. Er entscheidet, welche Eigenschaften des Originals besonders wichtig sind und welche bei der Übertragung zurücktreten müssen.

Carroux stellte vor allem die mythologische Geschlossenheit, den feierlichen Ton und die zeitlose Atmosphäre in den Mittelpunkt. Krege legte mehr Gewicht auf die unterschiedlichen Stimmen der Figuren, die Verständlichkeit und eine lebendigere Alltagssprache.

Beide Ansätze lassen sich begründen. Sie führen jedoch zu zwei deutlich verschiedenen Leseerfahrungen.

Was Autoren aus den beiden Übersetzungen lernen können

Der Vergleich ist nicht nur für Tolkien-Fans und Übersetzer interessant. Auch Autoren können daraus wichtige Erkenntnisse für das eigene Schreiben gewinnen.

Jedes Wort trägt eine Welt in sich

Ein Begriff vermittelt nicht nur seine sachliche Bedeutung. Er transportiert auch eine Zeit, ein gesellschaftliches Umfeld und bestimmte Erfahrungen.

„Herr“ und „Chef“ können beide ein Verhältnis von Über- und Unterordnung ausdrücken. Trotzdem erzeugen sie vollkommen unterschiedliche Bilder. Das eine Wort passt zu einer älteren Gesellschaftsordnung, das andere zur modernen Arbeitswelt.

Gerade in historischen Romanen und Fantasygeschichten müssen Autoren deshalb darauf achten, welche Assoziationen ihre Wortwahl auslöst.

Moderne Sprache ist nicht automatisch zeitlos

Wer einen Text besonders aktuell formuliert, macht ihn häufig stärker von seiner Entstehungszeit abhängig.

Umgangssprachliche Wendungen können Figuren lebendig wirken lassen. Werden sie jedoch zu modisch eingesetzt, verraten sie schnell, aus welchem Jahrzehnt ein Buch stammt.

Eine bewusst neutrale Sprache kann deshalb länger funktionieren als eine Sprache, die unbedingt modern erscheinen möchte.

Figuren brauchen eigene Stimmen

In diesem Punkt zeigt Kreges Ansatz eine wichtige Stärke. Nicht alle Figuren sollten gleich sprechen.

Bildung, Herkunft, Beruf, Alter, gesellschaftliche Stellung und persönliche Erfahrungen beeinflussen die Ausdrucksweise. Ein König wählt andere Wörter als ein Gärtner, ein Gelehrter spricht anders als ein Soldat.

Autoren sollten diese Unterschiede hörbar machen, ohne Figuren zu sprachlichen Karikaturen werden zu lassen.

Atmosphäre entsteht auch durch Satzbau und Rhythmus

Eine fantastische Welt wird nicht allein durch Karten, erfundene Namen und die Beschreibung fremder Orte glaubwürdig. Auch der Klang der Sprache entscheidet darüber, ob eine Welt alt, geheimnisvoll, bedrohlich oder alltäglich wirkt.

Lange, feierliche Sätze erzeugen eine andere Atmosphäre als kurze, direkte Dialoge. Archaische Wörter können Würde schaffen, aber auch Distanz. Umgangssprache kann Nähe herstellen, zugleich jedoch den Zauber einer Welt beschädigen.

Leser erinnern sich an Sprache

Viele deutschsprachige Tolkien-Leser begegneten Mittelerde erstmals in der Übersetzung von Margaret Carroux. Ihre Begriffe und ihr Ton wurden dadurch zu einem Teil der persönlichen Erinnerung an das Werk.

Eine Neuübersetzung muss deshalb nicht nur mit dem Original konkurrieren. Sie wird auch an der vertrauten Fassung gemessen, mit der Leser Figuren, Orte und Erlebnisse verbinden.

Für Verlage ist das eine schwierige Ausgangslage. Was sprachlich begründet sein kann, wird von langjährigen Lesern möglicherweise als Eingriff in eine vertraute Welt empfunden.

Welche Übersetzung sollte man lesen?

Wer einen feierlichen, sagenhaften und atmosphärisch geschlossenen „Herrn der Ringe“ erleben möchte, wird vermutlich eher zur Übersetzung von Margaret Carroux greifen.

Wer eine modernere und stellenweise direktere Sprache bevorzugt und die Unterschiede zwischen den Stimmen der Figuren deutlicher wahrnehmen möchte, kann in der überarbeiteten Fassung von Wolfgang Krege interessante Seiten entdecken.

Am aufschlussreichsten ist der direkte Vergleich. Schon wenige Seiten oder einzelne Dialoge zeigen, wie stark Wortwahl und Satzrhythmus die Figuren und die Welt verändern.

Dabei muss die Frage nicht zwingend lauten, welche Übersetzung in jedem Punkt die bessere ist. Interessanter ist die Frage, welche Eigenschaften des Originals die jeweilige Fassung bewahrt – und welche sie dafür zurückstellt.

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