Wenn verbrannte Bücher wieder eine Stimme bekommen

Am 19. Mai 2026 erinnert die Stadtbibliothek Bruchsal gemeinsam mit der Friedensinitiative Bruchsal an ein dunkles Kapitel der deutschen Literaturgeschichte. Die Veranstaltung trägt den Titel „Lesung: Bücherverbrennungen in Bruchsal“ und beginnt um 19 Uhr in der Stadtbibliothek, Am Alten Schloss 4. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Im Anschluss an die Lesung sind Besucherinnen und Besucher zum Gespräch über ein mögliches Erinnerungsmal in Bruchsal eingeladen.

Der Anlass reicht zurück in das Jahr 1933. Am 22. Juni wurden auf dem Holzmarkt in Bruchsal Bücher öffentlich verbrannt. Nach Angaben des Projekts „Verbrannte Orte“ waren auch hier Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel maßgeblich beteiligt. In den Tagen vor der Verbrennung wurden Bücher verfemter Autorinnen und Autoren gesammelt, um sie anschließend symbolisch aus dem öffentlichen Leben zu tilgen.

Bruchsal als Teil einer größeren Verfolgung

Die Bücherverbrennungen waren kein einzelner Ausbruch von Fanatismus, sondern Teil der nationalsozialistischen Gleichschaltung. Besonders bekannt wurde die Aktion am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz. Doch ähnliche Verbrennungen fanden an vielen Orten statt. Sie richteten sich gegen jüdische, demokratische, sozialistische, pazifistische und politisch unbequeme Stimmen. Betroffen waren unter anderem Werke von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Erich Kästner, Erich Maria Remarque, Anna Seghers und Kurt Tucholsky.

Für Autorinnen und Autoren ist diese Geschichte bis heute von besonderer Bedeutung. Die Nationalsozialisten verbrannten nicht nur Papier. Sie griffen die Menschen hinter den Texten an, ihre Gedanken, ihre Haltung und ihre öffentliche Existenz. Viele Schreibende erhielten Berufsverbote, gingen ins Exil oder wurden verfolgt. Damit zeigt die Bücherverbrennung auf drastische Weise, wie gefährlich es wird, wenn Literatur nur noch erlaubt ist, solange sie einer Ideologie dient.

Jan Schenck und das Projekt Verbrannte Orte

Bei der Bruchsaler Lesung wird Jan Schenck vom Projekt „Verbrannte Orte e.V.“ aus seinem Buch sowie aus Texten von Autorinnen und Autoren lesen, deren Werke 1933 verbrannt wurden. Sein Projekt dokumentiert Orte nationalsozialistischer Bücherverbrennungen in Deutschland, fotografiert sie in ihrer heutigen Umgebung und macht sichtbar, was im Alltag oft unsichtbar bleibt: dass viele Plätze, Straßen und Märkte eine Geschichte tragen, die nicht vergessen werden darf.

Gerade darin liegt die Stärke der Veranstaltung. Sie bleibt nicht bei einem historischen Rückblick stehen, sondern fragt, wie Erinnerung heute aussehen kann. Ein mögliches Erinnerungsmal in Bruchsal wäre mehr als ein lokales Zeichen. Es würde daran erinnern, dass die Freiheit des Wortes nicht abstrakt ist, sondern an konkreten Orten verteidigt oder zerstört wurde.

Für Schreibende, Verlage und Literaturinteressierte ist die Lesung deshalb ein wichtiger Termin. Sie erinnert daran, dass Bücher Öffentlichkeit schaffen können, dass Texte unbequem sein dürfen und dass Autorinnen und Autoren eine Stimme haben, die geschützt werden muss. Wer heute schreibt, veröffentlicht oder liest, steht in einer langen kulturellen Verantwortung. Die Bruchsaler Veranstaltung macht diese Verantwortung greifbar.

Produkt zum Warenkorb hinzugefügt.
0 Artikel - 0,00